Interviews

Sind die öffentlichen Räume im Alsergrund für alle da? Welche Wahrnehmungen vom Zusammenleben in der Stadt gibt es?


Wir haben Interviews mit Mitarbeiter*innen sozialer Organisationen im Bezirk geführt, um mehr über die Nutzung von Straßen und Plätzen durch obdachlose Personen, Geflüchtete und Pflegebedürftige zu erfahren, über Potenziale und Problematiken, und wie wir das Mit- und Nebeneinander in einer Stadt durch Begegnung im öffentlichen Raum verbessern könnten.

Gespräch mit Herbert Messinger Kari von der Sozialstation der Caritas 

Die Sozialstation der Caritas, die von Herbert Messinger Kari geleitet wird, ist für die Bezirke 8, 9, 16, 17, und 18 zuständig, in denen ca. 350 Menschen zu Hause von ca. 100 Mitarbeiter*innen betreut werden. Nach einer ersten Qualifikation  zum Pflegeassistenten und diplomierten Krankenpfleger absolvierte er eine pädagogische Ausbildung und gibt nun sein Wissen in der Leitung der Sozialstation und in der Schulung von Pfleger*innen weiter. Dabei ist ihm besonders wichtig, dass Pflege den Menschen mit seiner Biographie, seiner Persönlichkeit und individuellen Bedürfnissen wahrnimmt, über die medizinische Diagnose hinaus. Das Ausmaß der Pflegeleistung ist angepasst an die Pflegestufe der Klient*innen und reicht von der gelegentlichen Begleitung bei Freizeitaktivitäten, über tägliche Hilfe im Haushalt, bis hin zu intensiverer Unterstützung im Alltag. 

Welche Bedeutung spielt der öffentliche Raum noch für pflegebedürftige Menschen?
Pflegebedürftige sind oft stärker an ihr Zuhause gebunden und haben weniger Kontakte, als früher. Partner sind vielleicht schon verstorben, im Alter werden auch die Freunde weniger. Einsamkeit ist deshalb für viele unserer Klient*innen ein Thema und ganz entscheidend für den Gesundheitszustand. 
Die Pfleger*innen unterstützen also nicht nur im Alltag, sondern sind wichtige Bezugspersonen. Sie unterstützen die Menschen auch dabei, weitere soziale Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Sie gehen auf die Interessen und Persönlichkeit der Person ein und empfehlen Anknüpfungspunkte, z.B. bei einer Kirchengemeinde oder einem Pensionistenklub. Und sie begleiten Klient*innen bei Spaziergängen oder Freizeitaktivitäten draußen. Doch Einsamkeit nimmt auch unter jungen Menschen zu. Im öffentlichen Raum fällt mir auf, dass es viel seltener zu neuen Kontakten kommt, dass wir niemanden mehr auf der Straße oder in einem Café kennenlernen. Das liegt natürlich auch an den neuen Kommunikationstechnologien, die meisten sind unterwegs nur noch mit dem Handy beschäftigt. Das Smartphone erleichtert uns natürlich in vielen Fällen die Kommunikation, gleichzeitig nehmen echter Kontakt, Augenkontakt und Gespräche ab.

Welche Barrieren gibt es im Zugang zu öffentlichen Räumen?
Die Stadt setzt sich sehr für barrierefreie Räume ein, doch es gibt immer noch viel zu tun, gerade in älteren Wohnhäusern. Schon drei kleine Stufen können einen Menschen, der vielleicht einen Schlaganfall erlitten hat, davon abhalten, das Haus zu verlassen. Diese kleinen physischen Barrieren werden immer unterschätzt. 
Doch es gibt auch Barrieren über Stufen und Treppen hinaus. Gerade in kostenlosen Zeitungen, aber auch im Fernsehen stehen meist ängstigende Nachrichten, über Raub, Betrug etc. in der Stadt. Gerade auch physisch schwächere Menschen, die Angst haben sich nicht wehren zu können, hält vielleicht auch das davon ab, nach draußen zu gehen.

Wie könnte man öffentliche Räume für pflegebedürftige Menschen verbessern?
Es wäre schön, mehr Möglichkeiten der Begegnung zu schaffen, in der Hausgemeinschaft und in der Nachbarschaft. Mehrgenerationenhäuser z.B. nennen in ihrem Namen schon ihr Programm und fördern die Unterstützung der verschiedenen Hausbewohner*innen untereinander. So könnten auch bestehende Wohnhäuser oder Gemeindebauten neu bespielt werden, durch ein partizipatives Programm, das die Bewohner*innen einbindet. 
Im Stadtraum könnten helle, von Lärm geschützte Begegnungszonen geschaffen werden, die verschiedenen Generationen etwas bieten, durch Spielgeräte, ein Schachspiel etc. Wenn z.B. Bänke nicht in einer Reihe aufgestellt werden, sondern gegenüber, gibt es vielleicht auch die Chance, mit jemandem ins Gespräch zu kommen.

HAUS JARO : CARITAS WIEN

Das Angebot der Caritas-Einrichtung Haus Jaro in der Müllnergasse umfasst zum einen Kurzzeitwohnen für Menschen, die keinen Zugang zum Sozialsystem in Österreich haben und nicht krankenversichert sind, jedoch dringend für ein paar Wochen bis Monate medizinische Betreuung benötigen. Zum anderen gibt es den sogenannten Louise-Bus, der in verschiedenen Bezirken halt macht und mit Unterstützung eines freiwilligen Arztes Menschen ohne Krankenversicherung versorgt. Um mehr über Straßen und Plätze aus Sicht von obdachlosen Personen zu erfahren, haben wir Jannine Bachl interviewt, die als Teamleiterin im Haus Jaro arbeitet.


Was sind die Geschichten der Menschen, die bei euch Hilfe suchen?
Die Biografien sind natürlich ganz unterschiedlich. Ich nenne einmal zwei typische Beispiele: Es gibt Männer, die, wie damals durchaus üblich, jahrzehntelang schwarz auf Baustellen gearbeitet haben. Das war in den 80ern noch sehr häufig. Nach gesundheitlichen Problemen haben sie dann ihre Arbeit verloren, daraufhin ihre Wohnung. Zum anderen gibt es mit der Reisefreiheit in der EU auch obdachlose EU-Bürger, die nach Wien kommen, weil es Ihnen z.B. in Ungarn sehr viel schlechter geht. In Wien gibt es vor allem im Winter viele Angebote, und so ist in den letzten Jahren kein Mensch auf der Straße erfroren. In Ungarn war die Zahl der toten obdachlosen Personen letztes Jahr im dreistelligen Bereich.


Ihr seid erst vor kurzem vom 18. in den 9. Bezirk gezogen. Wie hat euch das Umfeld aufgenommen, wie ist das Verhältnis zur Nachbarschaft und den Anrainer*innen?

In den ersten Wochen gab es ausschließlich positive Rückmeldungen, da wir im Vergleich zur Nutzung vorher sehr leise Nachbarn sind. Doch diese Schonphase ist jetzt leider vorbei und es gibt immer wieder Anrainerbeschwerden. Die Leute stören sich am Anblick von Trinkenden im Grätzl, denn es wird als unpassend für diese als besonders schöne, lebenswerte und auch teure Gegend rund um die Servitengasse empfunden. Doch viele Leute, die da vorne sitzen und trinken, sind wohnversorgt. Den Menschen fällt die Trennung schwer zwischen obdachlosen Personen wie unseren Klient*innen und z.B. dem Bauarbeiter, der in der Mittagspause sein Dosenbier trinkt und so fällt bei Problemen der Verdacht meist auf uns. Doch viele Störungen entstehen einfach durch das normale Leben im Bezirk und nicht unsere Klient*innen, wie z.B. Lärmbelästigung. Das geht z.B. auch von Lokalen aus. Doch ich verstehe das Bedürfnis, dieses Leid nicht sehen zu wollen. Ich bin auch in Wien aufgewachsen und in den 90ern gab es in Wien und in Österreich wenig sichtbare Obdachlosigkeit. Es gab die Reisefreiheit in der EU noch nicht, für Österreicher gab es ein dichtes soziales Netz. Das ist jetzt anders und diese Veränderung ist sichtbar und trifft auf Unverständnis bei den Menschen, die auch für das Sozialsystem ihre Steuern zahlen. Die Frage ist eben, gegen wen sich dieser Ärger richtet, gegen unsere Klient*innen oder gegen die falsche Struktur. Doch es gibt auch viele positive Erfahrungen hier im Bezirk. Wir haben enge Kontakte mit der Diözese, Priestern, Pfarramt, Pfadfinder und organisieren immer wieder gemeinsame Aktivitäten. Außerdem sind wir gut vernetzt mit anderen Initiativen für Menschen in Not, wie z.B. der Caritas Socialis Kleiderausgabe, dem medizinischen Angebot des Neunerhauses, der Medikamentenversorgung der AmberMed des Roten Kreuz.


Wie ist die Situation für obdachlose Personen auf Wiens Straßen und Plätzen allgemein?
Natürlich nutzen obdachlose Personen den öffentlichen Raum sehr stark, wichtig sind Treffpunkte mit Freunden und auch der Kontakt zu Streetwork etc. Doch mittlerweile gibt es immer mehr Initiativen, die auf die Verdrängung von obdachlosen Personen von bestimmten Plätzen abzielen. So z.B. „Inhibitive Design“, das Verunmöglichen von konsumfreiem Sitzen oder Liegen auf Bänken. Auch das Alkoholverbot am Praterstern empfinde ich als Vertreiben. Es ist sicherer für obdachlose Personen, die auch immer wieder Opfer von Gewalt werden, sich auf einem großen Platz aufzuhalten, als versteckt auf der Donauinsel. Die Vertreibung von diesen Hotspots ist ein massives Sicherheitsrisiko, denn Polizei, Streetwork und die Gruppe fehlen, die alle Kontrolle und Sicherheit geben.


Gibt es Möglichkeiten, die Situation für obdachlose Personen zu verbessern?
Das Problem liegt auf der politischen Ebene der EU. Doch die Ebenen die tatsächlich damit umgehen müssen, wie die Stadt Wien, haben wenig Einfluss auf die Strukturen welche die Auslöser sind. Eine Harmonisierung des Sozialsystems in Europa wäre eigentlich die einzige Lösung. Es gäbe einen großen Bedarf, sich um pflegebedürftige oder demente Menschen zu kümmern, doch ich kann nachvollziehen, dass die Stadt nicht alles auffangen kann.
Bei den Stadtbewohner*innen würde ich mir Gelassenheit wünschen. Die Polizei z.B. sieht das mit den Trinkern am Platz vor der Kirche hier sehr entspannt: Sie sind einfach nur da und benutzen den öffentlichen Raum wie alle andern.
Was soll man dagegen tun? Oder dagegen haben?

ASYLZENTRUM : CARITAS WIEN

Das Asylzentrum der Caritas in der Spitalgasse 5-9 im Alsergeund ist als Servicestelle des Fonds Soziales Wien (FSW) für die Grundversorgung in Wien lebender anspruchsberechtigter Flüchtlinge zuständig und bietet Sozialberatung. Neben diesem Standort gibt es einen weiteren in der Triester Straße im 10. Bezirk. Angelina Percsy arbeitet seit 2011 bei der Caritas. Nach 4 Jahren in der Sozialberatung wurde sie Teamleiterin und kümmert sich derzeit um die Koordination der Zivildiener und freiwilliger Mitarbeiter und um Qualitätsmanagementleistungen für beide Standorte. Wir haben sie zu ihrer Arbeit mit Flüchtlingen und der Bedeutung des öffentlichen Raumes für diese interviewt.


Was ist die Bedeutung von öffentlichem Raum für Geflüchtete in Wien?
Der öffentliche Raum ist sehr wichtig. Oft sind die Wohnsituationen sehr beengt, bedrängt und belastet. Viele Menschen leben auf engem Raum, da besteht der Bedarf nach draußen zu gehen, auch um Kontakte zu verschiedenen Menschen zu knüpfen. Parks zum Niederlassen und Verweilen, aber auch Dinge wie der Internetzugang im öffentlichen Raum sind wichtig.


Sind Benutzung und Zugang zu öffentlichem Raum für jeden gewährleistet?
Rein theoretisch schon, nur praktisch gestaltet es sich anders. Für Asylwerber*innen kommt es vor allem auf Erfahrungen an, die sie im öffentlichen Raum gemacht haben, ob sie sich wohl fühlen oder nicht. Natürlich halten sich die Leute auch eher in der Nähe ihres Wohnraumes auf und gerade die Bezirke mit günstigem Wohnraum weisen oft nur wenig Grün- und Erholungsflächen auf, die fußläufig zu erreichen sind. So z.B. in Favoriten oder im Umfeld des Gürtels.


Gibt es Klient*innen, die sich im öffentlichen Raum unwohl fühlen?
Generell nein, aber natürlich gab es Einzelfälle in denen von unangenehmen Erfahrungen berichtet wurde. Aus der Erfahrung in der persönlichen Beratung lässt sich sagen, dass sich viele mehr Kontakt zu Österreichern gewünscht hätten. Wichtig ist das für alle die Möglichkeit besteht den öffentlichen Raum zu nutzen. Kontakte werden vor allem über die Religion, lokale Vereine, Lebensmittelgeschäfte, Spielplätze, Deutschkurse oder die Einrichtungen, die alle besuchen, geknüpft.


Da viele Asylwerber*innen in schwierigen Wohnsituationen leben, gewinnen öffentliche Räume an Bedeutung. Wie kann man den öffentlichen Raum dahingehend verbessern?
Leider finden Geflüchtete auf dem angespannten Wohnungsmarkt oft lange keine angemessen große Wohnung, Singles leben z.B. oft in Mehrbettzimmern. Gerade da brauchen die Menschen den öffentlichen Raum auch als Aufenthaltsraum. Es gibt teilweise zu wenig Grünflächen, aber auch nicht genug Schatten und Wasser im heißen Sommer in der Stadt. Genügend Sitzmöglichkeiten, die auch zum Verweilen über einen längeren Zeitraum einladen, sind notwendig. Dabei muss man das Interesse aller im Blick haben. Jeder soll sich wohl und sicher fühlen. Probleme ließen sich vermeiden, indem z.B. Plätze regelmäßig gereinigt und gepflegt werden. Obdachlosigkeit und Menschen mit Flüchtlingshintergrund dürfen nicht vertrieben werden. Die Optimierung des Ist-Zustandes ist wichtig, eine Balance zwischen Sauberkeit und Sicherheit sollte geschaffen werden. Gruppen müssen friedlich miteinander oder zu mindestens nebeneinander leben können.